Bei der kreativen Tätigkeit die Behinderung vergessen

Künstlerprojekt Crescende ein Erfolg für Behinderte und Gesunde

REGENSBURG. Das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen ist zu Ende. Was hat es gebracht? Was ist geblieben? Eines der Aufsehen erregendsten Projekte in der Region zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen hat der Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte in Regensburg mit einem enormen ehrenamtlichen Engagement organisiert. Über 150 behinderte und rund 50 nicht behinderte Menschen durften in Projekten mit 39 Künstlern Freude, Erfolgserlebnisse, Selbstbewusstsein und große Anerkennung erfahren. Und in mehreren Gruppen geht Crescende weiter.

Keine einmalige Aktion, die zwei Stunden läuft und dann bald wieder vergessen ist, sondern „etwas Bleibendes“ wollte der Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte e. V. Regensburg zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen auf die Beine stellen. In einer kleinen Runde wurde im Februar 2003 die Idee geboren, mit Künstlern etwas zu machen. „Die paar Farbtöpfe werden wir wohl bezahlen können“, sagte damals Beirat Markus Kellner. Und niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, mit welch großer Resonanz sich das Projekt „Crescende – wachse!“ buchstäblich auswächst und nur mit enormem ehrenamtlichen Einsatz unter der Regie von Christa und Engelbert Weiß zu bewältigen ist.
Und auch die Kosten für Künstlerutensilien, Informationsmaterial, Werbung, Internetpräsentation und Dokumentation, Raummieten, Moderation und schließlich den Dankeschönabend für die Beteiligten stiegen auf rund 15 000 Euro. 20 Prozent Eigenmittel hat der Verein, der sich seit vielen Jahren für therapeutisches Reiten mit behinderten Menschen und in integrativen Gruppen engagiert, durch zusätzliche Aktionen im vergangenen Jahr erwirtschaftet. 12 000 Euro Fördermittel sind von der Aktion Mensch beantragt, um die Finanzierungslücke schließen zu können.

Große öffentliche Wirkung

Im April wurde das Projekt öffentlich ausgeschrieben. Stellvertretende Vereinsvorsitzende Christa Weiß nutzte ihre Kontakte zu Behinderteneinrichtungen. Vorsitzende Maria Hauschild konnte Bürgermeisterin Petra Betz für das Projekt gewinnen, die wiederum Oswald Zitzelsberger eingebunden hat. Und die Unterstützung durch den Kunst- und Gewerbeverein mit stellvertretendem Vorsitzenden Walter Schaller führte schließlich dazu, dass Ende Mai im Regensburger Presseclub über 30 Künstler mit Vertretern aus zehn Behinderteneinrichtungen Kontakt aufnahmen und Einzelheiten der Projekte absprechen konnten. Mit Unterstützung von Vereinsmitglied und MZ-Redakteur Engelbert Weiß wurde über das Projekt über Monate hinweg in Presse, Rundfunk und Fernsehen ausführlich berichtet.
Weit über 100 unterschiedlichste Kunstwerke entstanden bei den einzelnen Projekten. Behinderte Menschen schweißten Metall zu bunten Vögeln oder einem Menschenvogel, sie formten aus Maschendraht und Gips oder aus Ton Tiere und Figuren, sie bemalten Leinwand, Papier oder Glas. In zwei Gruppen wurden Tanzprojekte bühnenreif einstudiert, ein Titelsong zu Crescende wurde komponiert und im Tonstudio auf CD aufgenommen, behinderte Schüler wie Senioren probten mit Profi-Musikern, das Motto „CRESCENDE“ wuchs in fruchtbar grüner Kresse. Etwa 550 Gäste erlebten am 17. Oktober im Kulturspeicher in Regensburg einen Präsentationsabend, der tief beeindruckte. „Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass behinderte Menschen so etwas zustande bringen“, war von den begeisterten Gästen immer wieder zu hören.

Medium "Kunst" hat angeregt

Wie bei der Reittherapie das Medium „Pferd“ so hat bei Crescende das Medium „Kunst“ behinderte Menschen angeregt, begeistert, zu neuen Taten und Erfolgen geführt, freut sich Hauptorganisatorin Christa Weiß. Und Vorstandsmitglieder Uschi Wiendl und Andrea Kellner haben gerne die Mühe auf sich genommen, mehrere Ausstellungen mit den „bleibenden“ Ergebnissen des Künstlerprojektes zu organisieren. Und der gesamte Vorstand freut sich sehr, dass in mehreren Projekten die Crescende-Arbeit mit Künstlern und behinderten Menschen weitergeht und weiter wächst. Freude und Selbstbewusstsein dürfen behinderte Menschen somit weiterhin durch das Medium „Kunst“ erfahren. Und langfristig Verantwortung übernehmen gehört auch dazu: Die Gruppe vom Caritasverband wird das Denkmal „Integration“ in der Kulturmeile an der Donaulände pflegen und weiterentwickeln, als Mahnung und als öffentliche Erinnerung zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen.


Diözesan-Caritasdirektor Bernhard Pind (vorne links) und Bürgermeisterin Petra Betz stoßen auf die "Integration" an der Donaulände an. Rechts Konrad Kett vom Caritasverband.

Gesunde sind oft viel schlechter drauf

„Projekte dieser Art sollen fester Bestandteil meiner künstlerischen und kunstpädagogischen Arbeit werden“, betont ‚Claudia Graf, die mit Schülern der Bischof-Wittmann-Schule und der Hauptschule Neutraubling arbeitete. „Mit dem Potential an Talenten könnte man noch viel mehr machen. Ich werde die behinderten Menschen von der Lebenshilfe jetzt öfter ins Atelier holen“, stellt Renate Haimerl-Brosch fest. „Das spontane Arbeiten der Kinder aus dem Pater-Rupert-Mayer-Zentrum mitzuerleben war Ermutigung für meine eigene Arbeit“, sagt Ingrid Erndl. Mit einer „echten Künstlerin“ und in einem „richtigen Atelier“ arbeiten zu dürfen und dann in der Mittelbayerischen Zeitung als „Künstlerpartnerin von Ana Matt bezeichnet zu werden, hat Melanie Kruber gefreut und aufgebaut. „Die Konfrontation der persönlichen Situation durch die Öffentlichkeitsarbeit war unumgänglich“, berichtet Barbara Schönberger von ihrer Arbeit in den Naab-Werkstätten in Schwandorf. „Dies bot eine Möglichkeit, persönliche Problematik zu äußern und zu diskutieren.“ Und Helmut Ohlschmid aus Wörth hat so wahnsinnig beeindruckt, dass sein Künstlerteam aus dem Pater-Rupert-Mayer-Zentrum „immer“ so gut drauf war. „Viele Menschen ohne Behinderung sind da wesentlich schlechter drauf.“

 

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