Gemeinsame Projekte Künstler und Behinderte

Eine "riesige Form der Anerkennung" und "verdammt viel gelernt"

Crescende mit Ernst Hingerl in den Regensburger Wohnstätten der Lebenshilfe

Als eine "riesige Form der Anerkennung" empfinden Behinderte von der Lebenshilfe-Wohngruppe in Regensburg-Steinweg die Arbeit im Crescende-Projekt mit dem Künstler Ernst Hingerl. Ein etwa zwei Meter hohes und 1,40 Meter breites Aquarium mit vielen bunten Fischen ist bereits fertig. Und jetzt arbeiten die Behinderten in ihrer Freizeit in dem urigen Bauernhof- und Werkstatt-Atelier des Restaurators, freischaffenden Künstlers und Kunstpädagogen Ernst Hingerl in Pettenreuth unter dem schützenden Vordach eines geheimnisanmutenden altehrwürdigen Gebäudekomplexes direkt neben dem kunstvoll gestalteten Weiher an großen Städten aus Holzabfällen.

Ein riesiges Aquarium

Beim Projekt von Ernst Hingerl für "Crescende" entstand eine Art Aquarium. Hinter Panzerglasscheiben wurden viele Fische aus farbigen transparenten Acrylsplittern auf durchsichtigen Acrylscheiben aufgeklebt, die durch ihre Anordnung im Aquarium einen dreidimensionalen Effekt erzielen. Die behinderten Erwachsenen aus den Lebenshilfe-Wohngruppen haben zunächst Fische auf Papier aufgezeichnet. Dabei entstanden Kreaturen, die sich Hingerl vorher nie vorstellen und erst gar nicht selbst ausdenken hätte können. "Mit den Behinderten geht das so einfach", erzählt der Kunstpädagoge begeistert von der Arbeit mit der Gruppe, die von ihren Betreuern in ihrer Freizeit nach Pettendorf gefahren wurden. "Allein wenn ich diesen Fisch da seh'. Der sieht aus wie ein Gelenkbus. Ich könnte nie so einen Fisch entwickeln", schwärmt Hingerl von der so natürlichen und faszinierenden Kreativität der Behinderten. "Wenn jemand so etwas auf Papier bringt, dann fängt mein Kopf an zu arbeiten. Ich habe bei dem Projekt mit den Behinderten verdammt viel gelernt", bestätigt er das Motto des Crescende-Projektes zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen: "Künstler wachsen mit Behinderten, Behinderte wachsen mit Künstlern." Hingerl ist fasziniert, wie unkompliziert seine behinderten Künstler an die Arbeit herangehen.

Aus Abfällen von Industriebetrieben

Die gezeichneten Fische und beeindruckenden Gebilde wurden dann aus buntem Plexiglas ausgesägt. Das Material hat Hingerl aus Abfällen von Industriebetrieben beschafft. Die vielfältigen Kreaturen in leuchtenden Farben wurden schließlich auf die durchsichtigen Scheiben aufgeklebt. Die mächtigen Scheiben wurden in einem massiven Holzrahmen gefasst, der auf einem palettenartigen Ständer befestigt ist. Nicht nur die Behinderten sind beeindruckt von ihrem Werk in leuchtenden Farben. Sie finden es eine "riesige Form der Anerkennung", wenn das Kunstobjekt am 17. Oktober im Regensburger Kulturspeicher öffentlich ausgestellt wird und sie sich bei der Abschlussveranstaltung des Crescende-Projektes des Vereins für Körper- und Mehrfachbehinderte als die Künstler präsentieren dürfen.


Stolz präsentieren die Crescende-Künstler ihr buntes Aquarium den Vertretern des Vereins für Körper- und Mehrfachbdhinderte e. V., Regensburg, und der Medien.


Bereits die Idee wurde von den Behinderten mit Begeisterung aufgenommen. Durch ihre Erfahrung mit einer Ausstellung in Schwarzhofen waren sie auch von dem Gedanken begeistert, dass dieses Projekt wieder ausgestellt werden wird und für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Großstädte aus Holz

Seit Ende August arbeitet die Gruppe aus zehn Behinderten mit Ernst Hingerl schon an einem weiteren Projekt: Aus unzähligen rechteckigen Holzstücken, die auf Platten geklebt werden, entstehen Großstädte. Mit klebrigen Fingern präsentieren die Künstler das entstehende Werk. Die Erklärungen sind überzeugend und pointiert, aber kurz. Denn sofort geht es wieder engagiert an die Arbeit. Die Holzklötzchen werden mit Klebstoff eingeschmiert und auf der Platte befestigt. Die Städte aus Holz werden dann mit Quarzsand bestreut und anschließend bemalt. Eine von mehreren Großstädten ist bereits fertig und wird den Medienvertretern mit Stolz präsentiert.

Ernst Hingerl hat in den Regensburger Wohnstätten bereits andere Projekte verwirklicht. Zum einen handelt es sich um die Erstausstellung von 63 Bildern von den Behinderten in Schwarzhofen im April 2003. Diese Bilder sind die Arbeit von ca. einem Jahr. Weitere Informationen hierzu findet man auch auf der Homepage der Regensburger Wohnstätten unter http://www.rgbgwo.de


Bekannt ist auch die "Fahnenaktion" von Ernst Hingerl. Dabei handelt es sich um neun Fahnen, bemalt von den Bewohnern der Regensburger Wohnstätten. Diese Fahnen waren zuerst im Kunstgarten in Bodenwöhr ausgestellt und sind seit Mai 2003 Teil des Kunstpfades am Radelweg zwischen Wenzenbach und Lambertsneukirchen. Das Fahnenobjekt steht in der Nähe des ehemaligen Bahnhofs in Bernhardswald.

 

[zurück] [Homepage]