Gemeinsame Projekte Künstler und Behinderte

 

"Netzmensch" schafft Verbindung über innere und äußere Grenzen hinweg

Crescende mit Elisabeth Schmidt-Huber und Georg Schraml und der Lebenshilfe


Mit Elisabeth Schmidt-Huber (rechts) und Georg Schraml (Zweiter von links) arbeiten Andrea, Andreas, Sabine und Julian (von links) von der Lebenshilfe gemeinsam am "Netzmenschen".

"Netzmensch“ heißt das Projekt von Elisabeth Schmidt-Huber und Georg Schraml zusammen mit den Behinderten Sabine, Andrea, Julian und Andreas, die in Lebenshilfe-Wohngruppen in der Regensburger Haaggasse (Nähe Arnulfsplatz) bzw. Am Hohen Sand in Lappersdorf wohnen und in der Lebenshilfe Lappersdorf arbeiten. Zwei überlebensgroße Figuren in Form von Holzplatten stehen sich gegenüber. Sie werden mit Farben, Collagen und Fotos gestaltet und miteinander verbunden. Dabei sollen die beiden Sichtweisen, vor allem aber das Miteinander und das Verbindende zwischen Behinderten und Nichtbehinderten deutlich gemacht werden. Alle Sinne werden in die Arbeit einbezogen: Tasten, Fühlen, Hören, Sehen ... Elisabeth Schmid-Huber (Atelier Netzwerk Menschen) und Georg Schraml (Netzquellen) wollen mit dem „Netzmenschen“ ihre gemeinsame Vision des Verbindenden über innere und äußere Grenzen hinweg zum Ausdruck bringen.

Künstler und Behinderte gleichberechtigt

Vier Behinderte und die beiden Künstler arbeiten "gleichberechigt" an dem gemeinsamen Projekt für Crescende. Elisabeth-Schmidt-Huber hat deshalb sechs mal zwei, also zwölf Sperrholzplatten vorbereitet, für jeden zwei. Jeder der Beteiligten presst nun Acryl-Farbe aus der Tube auf eine seiner Platten. Dann wird diese Platte mit der zweiten zusammen gedrückt, so dass ein spiegelbildliches Abbild entsteht. "Es ist also gleich und doch sieht es ganz verschieden aus ", zieht Schmidt-Huber Bilanz.

Die Gebilde in Acrylfarben werden nun miteinander betrachtet. Wie sehen die Gestalten aus, was kann man erkennen? Andreas sieht einen Delfin, Sabine eine große Figur mit Mund und Georg eine tanzende Gestalt. Die Abdrucke werden gemeinsam besprochen, im Gespräch miteinander erhalten die Behinderen Anstöße für ihre Phantasie. Und dann geht es ans Ausgestalten der einzelnen Bilder. Jeder Künstler geht nun wieder selbständig an die Arbeit. Sabine stürzt sich sofort auf den erkannten Mund und malt grell rote Lippen. Andere streuen Sand auf die Bilder oder mischen ihn in die Farben und gestalten damit Teile ihres Bildes. "Wer nicht sieht, der kann den Sand fühlen und die Flächen von denen ohne Sand unterscheiden, erläutert Schmidt-Huber. So können Bilder später "ertastet oder erfühlt" werden. Damit ist es auch für Blinde möglich, eine Botschaft aufzunehmen. "Die Behinderten arbeiten sehr geschickt", sind Schmidt-Huber und Schraml ganz begeistert. Sie können in das Kunstwerk ihre Erfahrungen aus der Arbeit in den Werkstätten der Lebenshilfe gut einbringen.

Beeindruckt von der Offenheit

Beeindruckt sind Schmidt-Huber und Schraml besonders von der Offenheit der Behinderten, die mit der gemeinsamen Arbeit größer wird. Immer mehr erzählen die Behinderten von sich, "positiv und negativ". Sie teilen mit, wie es zu ihrer Behinderung kam und wie sie damit zurecht kommen, wie sie sich in ihrer Umwelt und wo sie Grenzen erleben. Und sie bekennen offen: "Das Erzählen können hat uns gut getan." Die Behinderten fühlen sich angenommen, wenn ihnen jemand zuhören kann. "Es findet Kommunikation, es findet echte Begegnung statt", berichtet Georg Schraml ganz beeindruckt.

Dann werden die zwölf Holztafeln wieder zusammen gelegt. Elisabeth Schmidt-Huber bringt sich nun wieder mit Vorgaben ein und zeichnet - in Abstimmung mit allen Beteiligten - "verbindende Linien" über die einzelnen Bilder. Dann arbeitet wieder jeder für sich selbständig mit seinen beiden Bildern weiter. Als die weiter entwickelten einzelnen Kunstwerke dann wieder zusammen gelegt werden, sind alle überrascht, wie gut sie passen, geradezu unbewusst aufeinander abgestimmt sind, "wie weich die Übergänge" zum Ausdruck kommen. Die zwölf Bilder werden später in zwei Rahmen gefasst. Jeweils sechs Bilder stellen dann eine Einheit dar. Die Originale und die ursprünglichen Abdrücke sind in ihrer künstlerischen Ausgestaltung aber nicht mehr auszumachen.

"Hilf mir es alleine zu tun!"

Nun werden die beiden Holzstelen zunächst mit Farben gestaltet. Georg Schraml hat während der Arbeit die einzelnen Künstler fotografiert. Profile von Gesichtern etwa werden nun gemeinsam auf die Stelen gezeichnet und dann von den einzelnen Teilnehmern wiederum selbständig ausgestaltet. Es ist ein ständiger Wechsel zwischen Anleitung und selbständiger Arbeit, betont Schmidt-Huber. Das ganze Projekt steht unter dem Motto: "Hilf mir es alleine zu tun!".

Fotos von der Arbeit der Gruppe werden ebenfalls noch in die Stelen eingearbeitet, es entstehen Collagen. Eine Stele wird als Symbol für Behinderung, die andere als Symbol eines gesunden Netzmenschen ausgearbeitet. So entstehen insgesamt vier Elemente: Die beiden Bildblöcke mit je sechs Einzelbildern in zwei großen Rahmen und die beiden Stelen. Überlegt wird noch die Komposition. Die beiden Netzmenschen könnte man etwa mit Gitarresaiten verbinden, sinniert Georg Schraml. Damit wird ein weiteres Element, der wohlklingende Ton, ins Kunstwerk eingebaut. In Beziehung zueinander kommen behinderte und nichtbehinderte "Netzmenschen" zum Klingen, sie fangen an zu musizieren. "Die Teilnehmer sind mit Begeisterung dabei und erleben Nachmittage der Begegnung, des Aufeinander-Eingehens und eines unkomplizierten Miteinanders", berichten die sechs Künstler freudestrahlend. Und sie können es gar nicht mehr erwarten, bis ihr begehbares Kunstwerk mit vier Elementen endlich fertig ist und von vielen bewundert werden kann.

Im Anschluss an das Projekt soll der gemeinsam gestaltete "Netzmensch" auch den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern der Wohngruppen der Lebenshilfe, die nicht am Projekt beteiligt sind, vorgestellt und mit ihnen besprochen werden. In der Haaggasse sind deshalb demnächst noch ein Besichtigungs- und Mitmachtag geplant.

Text: Engelbert Weiß

Fotos: Georg Schraml und Engelbert Weiß

 

 

 

 

 

 

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