Gemeinsame Projekte Künstler und Behinderte

 

Sensibel für unscheinbare Beziehungskonstellationen

Crescende mit Barbara Schönberger in den Schwandorfer Naabwerkstätten

Die Beziehung soll hin und her gehen, keiner soll alleine in seiner Ecke stehen bleiben und das Bild soll lebendig, hell und frisch wirken. Mit vielen Fragen und Tipps regt Künstlerin Barbara Schönberger die vier Behinderten in den Schwandorfer Naabwerkstätten unermüdlich an. In nur zwei Stunden ist das über sechs Quadratmeter große Bild auf dem Boden fertig. Die vier Behinderten und die Künstlerin selbst sind begeistert, auch wenn bei der Aktion die Wand im Besprechungszimmer einige Spritzer abbekommen hat.

„Crescende“, wachse, diese Aufforderung steht als Motto über dem Künstlerprojekt, das der Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte e. V. mit Sitz in Regensburg angestoßen hat und organisiert. 35 Künstler und mehr als 150 Behinderte aus elf Einrichtungen der ganzen Region, so stellvertretende Vorsitzende Christa Weiß, beteiligen sich an diesem Projekt im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung. Ziel des Künstlerprojektes „Crescende“ ist es, für Behinderte mehr Lebensqualität zu ermöglichen, etwas anzustoßen und etwas Bleibendes zu schaffen. Auch die Schwandorfer Künstlerin Barbara Schönberger engagiert sich bei „Crescende, Künstler wachsen mit Behinderten, Behinderte wachsen mit Künstlern“.


Cordula, Künstlerin Barbara Schönberger, Sabine, Sabrina und Anton malen mit Schrubber und Pinseln mit langen Stielen begeistert auf der über sechs Quadratmeter großen Fläche am Boden.

Team mit vier Behinderten

Bis Herbst entstehen so auch in den Schwandorfer Naabwerkstätten Kunstwerke, die bei einer großen Benefizveranstaltung am 17. Oktober in Regensburg präsentiert werden. Der Leiter der Naabwerkstätten der Lebenshilfe und des VdK Schwandorf, Ullrich Hiltl, war begeistert von der Idee. Zusammen mit Sozialarbeiterin Elisabeth Schuierer stellte er ein Künstlerteam aus den Werkstätten mit vier Behinderten zusammen. Es besteht aus Sabrina, 20 Jahre, die nach einem Unfall an den Rollstuhl gebunden ist, Sabine, 27 Jahre, die lernbehindert und psychisch erkrankt ist, Cordula, 41 Jahre, die psychisch erkrankt ist, und Anton, 39 Jahre, der ebenfalls psychisch erkrankt ist.

Alle arbeiten „sehr zügig“

„Am ersten Tag hat jeder bei sich angefangen“, erzählt Barbara Schönberger zu dem Projekt. Der Künstlerin geht es darum, dass nicht jeder in seiner Ecke stehen bleibt, sondern sich eine Beziehung entwickelt, im entstehenden Kunstwerk wie auch bei den Künstlern selbst. „Man muss ständig konzentriert bei der Arbeit sein“. Eine „hohe Anforderung“ ist es für die Künstlerin, jeden der vier Behinderten kontinuierlich einzubeziehen und zu beschäftigen.

Das Team arbeitet „sehr zügig“, lobt Barbara Schönberger ihre Künstler. Sie hat einige Vorarbeit geleistet, lässt aber allen Beteiligten viel Raum für eigene Ideen. „Jetzt haben wir noch ein kleines Eckerl frei. Welche Farbe, meinst du, passt hier?“ Ein heller Schein wäre gut für dieses dunkle Eck, regt die Künstlerin an. Und Cordula greift zu Gelb, „damit es nicht ganz so finster wirkt“.

16 eigenständige Gemälde

Am ersten Tag haben die Künstlerinnen und Künstler Schablonen angefertigt. Nach diesen Vorlagen, mit Bleistift auf Transparentpapier gezeichnet, sollen Leinentücher bunt bemalt werden. Die fünf Tücher mit Ösen, jeweils 1,5 mal zwei Meter groß, spendet übrigens Gardinen Bollwein für das Projekt, freuen sich alle Beteiligten. Beim zweiten Treffen des Künstlerteams wurde auf dem Boden im Besprechungszimmer eine Fläche von 2,5 mal 2,5 Metern mit Malpapier ausgelegt. Mit Acrylfarben entstand darauf eine lebendige Beziehungskonstellation aus Farben und Formen. Auf dem Kunstwerk werden nach dem Trocknen die Schablonen platziert und damit die Motive für die Tücher festgelegt. Das Gemälde selbst wird später in 16 Einzelteile zerlegt, 16 eigenständige Gemälde. Jeder der beteiligten Künstler darf sich daraus für sich selbst „das schönste“ aussuchen.

Von der Fläche zum Raum

Das Ergebnis, so Barbara Schönberger, soll „eine Installation“ sein. Die Künstlerin fügt sich dabei gleichwertig in das Team mit den vier Behinderten. Jeder hat seine eigene Form für eine Bodenplatte entwickelt. Diese werden in den Naabwerkstätten aus verschiedenen Metallen angefertigt, mit unterschiedlichen Ebenen, als Pyramide oder mit einer aufgeschweißten Spirale. Auf den Bodenplatten werden dann Pfosten installiert. Über Material und Form entscheidet jeder Künstler selbst. „Jeder kann seine eigene Form entwickeln“, betont die Künstlerin, mit Zacken und Kanten, mit Löchern und Kerben, mit Ecken und Spitzen. An diesen Pfosten werden schließlich die bunt bemalten Tücher befestigt. „Die einzelnen Elemente entstehen frei, sollen am Ende aber zueinander korrespondieren, werden in eine Beziehung zueinander gebracht.“ Die Tücher sind beweglich, „flexibel, nicht fest“, so Schönberger. Auch die Position zueinander bleibt veränderlich. So entsteht von der Fläche über die Struktur zum Objekt hin ein dreidimensionaler Raum, eine „lebendige Beziehungskonstellation“.

Verbindung mit Tanzprojekt

Und das Ergebnis dieser Arbeit wird dann von einer anderen Gruppe des Künstlerprojektes „Crescende“ aufgegriffen und weiterentwickelt. Katrin Hofreiter aus Regensburg wird die Installation aus den Schwandorfer Naabwerkstätten mit behinderten Jugendlichen und Erwachsenen in ein Tanzprojekt umsetzen. Unter Choreographie versteht sie den „Ausdruck der Seele“. Ihre Tanztheaterstücke sollen Kommunikationsmittel und Spielplatz zugleich sein. „Gefühle darzustellen, Atmosphäre zu schaffen, sind für mich die interessantesten Aspekte bei der Kreation eines Stückes“, so Hofreiter. Die Künstler selbst wie die Beteiligten Behinderten sind „sehr gespannt“ auf die Ergebnisse. Und schon jetzt ist klar, was Sozialpädagogin Schuierer mit dem Projekt für die Behinderten auch erreichen will: „Es wird ihnen gut tun, sie einen Schritt weiter bringen und ihnen vor allem viel Freude bereiten.“

Text und Fotos: Engelbert Weiß

 

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